Die Reise begann am 4. September in Köln. Die Anreise nach Kiel verlief bereits etwas abenteuerlicher als geplant: Nach der Zugfahrt Richtung Hamburg sorgte das dortige Bahnchaos für einen ungeplanten Umweg über Pinneberg, bevor es mit dem Regionalzug weiter nach Kiel ging. Vom Bahnhof ging es anschließend mit dem Bus zum Fährterminal. Nach dem Einchecken begann der maritime Teil der Reise: Mit der DFDS Regina Seaways ging es über die Ostsee Richtung Klaipėda.
Der nächste Tag stand ganz im Zeichen der Überfahrt. Nach einer ruhigen Nacht an Bord wurde das Schiff erkundet, gelesen und sogar auf dem Helikopterdeck etwas Sport getrieben. Bei Sonnenschein bot die Überfahrt Gelegenheit, sich auf die kommenden Tage einzustimmen. Am Abend nach 20h Fahrt erreichte die Fähre den Hafen von Klaipėda. Mit dem Bus ging es in die Stadt und in die gemütliche Unterkunft, die mit einem großen Klavierzimmer und sogar einer Hängematte ungewöhnlich viel Atmosphäre bot. Bei einem ersten Rundgang durch Klaipėda wurden unter anderem das Denkmal für „Ännchen von Tharau“ und die sogenannte Wunsch-Maus entdeckt.
Klaipėda ist für Litauen von besonderer historischer Bedeutung. Die Stadt war über Jahrhunderte eng mit dem deutschsprachigen Ostseeraum verbunden und hieß bis 1923 Memel. Diese deutsche Vergangenheit ist in der Altstadt und in vielen historischen Bezügen noch spürbar. Gleichzeitig ist Klaipėda heute der wichtigste litauische Ostseehafen und damit ein wirtschaftliches Tor des Landes.
Tag 1 der Radtour: Klaipėda – Juodkrantė
Am nächsten Tag begann der eigentliche Ausflug auf die Kurische Nehrung. Nach dem Frühstück wurden zunächst Mietwagen und Fahrräder organisiert, bevor es über die Nehrung weiter nach Süden ging. Die Kurische Nehrung ist eine schmale, rund 98 Kilometer lange Landzunge zwischen Ostsee und Kurischem Haff. Etwa die Hälfte gehört zu Litauen, die andere Hälfte zu Russland. Die gesamte Landschaft steht als außergewöhnliche Kulturlandschaft unter dem Schutz des UNESCO-Welterbes.
Mit dem Fahrrad ging es durch die charakteristische Landschaft aus Kiefernwäldern, Dünen und kleinen Ortschaften. Ein erster kulinarischer Zwischenstopp führte zu einem Fischrestaurant, wo Heilbutt auf dem Teller landete. Später folgten Juodkrantė und der Hexenberg. Die hölzernen Skulpturen des Hexenbergs greifen Figuren und Geschichten aus der litauischen Mythologie und Volkskultur auf. Auf dem angrenzenden Friedhof wurde gleichzeitig deutlich, wie stark die Geschichte der Region von verschiedenen Bevölkerungsgruppen geprägt wurde. Deutsche Orts- und Familiennamen erinnerten an die frühere Geschichte der Nehrung.
Tag 2 der Radtour: Juodkrantė – Nida
Am folgenden Tag ging es weiter in Richtung Nida. Nach einem Frühstück am Meer wurde die Tote Düne erwandert. Die Dünen sind eines der eindrucksvollsten Merkmale der Nehrung. Sie sind allerdings keineswegs eine unveränderliche Naturkulisse: Über Jahrhunderte wurden die Wälder gerodet, wodurch der Sand in Bewegung geriet und ganze Dörfer von Wanderdünen bedroht wurden. Erst durch umfangreiche Aufforstungen und den gezielten Schutz der Dünen konnte die Landschaft stabilisiert werden.
In Nida angekommen, folgte am Abend ein besonders schöner Moment: der Sonnenuntergang an der Ostsee. Nida ist heute der bekannteste Ferienort der litauischen Seite der Nehrung und war bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein beliebter Aufenthaltsort von Künstlern und Intellektuellen.
Ein besonderer Höhepunkt war am nächsten Tag der Besuch des Thomas-Mann-Hauses. Thomas Mann verbrachte hier Anfang der 1930er Jahre mehrere Sommer. Das Haus erinnert an diese Zeit und an die Bedeutung Nidas als Künstler- und Literatenort. Anschließend ging es mit den Fahrrädern weiter zur großen Wanderdüne. Von dort bot sich ein weiter Blick über die Dünenlandschaft bis hinüber in Richtung des russischen Teils der Nehrung.
Der Tag hielt allerdings auch eine ungeplante Überraschung bereit: Die eigentlich vorgesehene Fährverbindung fuhr nicht. Nach einigen organisatorischen Problemen musste kurzfristig eine private Überfahrt organisiert werden. Für rund 200 Euro ging es schließlich über das Wasser, anschließend noch einmal viele Kilometer mit dem Fahrrad weiter. Gerade solche ungeplanten Änderungen gehören vermutlich zu den Episoden, die eine Reise im Nachhinein besonders erinnerungswürdig machen. Der Abend endete mit einem improvisierten Einkauf im Supermarkt und einem Essen auf der Terrasse der Unterkunft.
Tag 3 der Radtour: Nida – Sikate
Nach der weiteren Fahrt wurde die Umgebung am nächsten Tag mit dem Fahrrad erkundet. Kleine Straßen, Naturwege und die Landschaft zwischen Haff und Ostsee machten den Reiz dieser Etappe aus. Ein Cappuccino im Café gehörte ebenso dazu wie die Fahrt durch die Natur. Schließlich ging es weiter zu einer Unterkunft bei Kintai, wo der Tag an Fischteichen und mit einem Abendessen ausklang.
Tag 4 der Radtour: Sikate – Klaipėda
Der Rückweg nach Klaipėda führte noch einmal durch die Landschaft am Kurischen Haff. Das Wetter zeigte sich dabei von seiner wechselhaften Seite: Regenschauer, Wind und Sonne wechselten sich ab. Besonders in Erinnerung bleibt die lange, schnurgerade Strecke am Kaiser-Wilhelm-Kanal, die Motivation erforderte. Der Kanal wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und verbindet das Memelgebiet mit dem Kurischen Haff. Heute ist er vor allem ein Zeugnis der historischen Wasserbau- und Verkehrsgeschichte der Region.
Nach der Ankunft in Klaipėda gab es Pizza mit Blick auf die stürmische Ostsee, bevor die Fahrt weiter zum Kreuzhügel bei Šiauliai führte. Dieser ungewöhnliche Ort sollte bereits einen Vorgeschmack auf die religiöse und historische Vielfalt Litauens geben.